Wie ich den Helm für immer ablegte

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Ich weiss ganz genau wer die Debatte gestartet hat. Und ich weiss auch ganz genau wer seine ersten Beführworter waren und ich habe eine Ahnung, welche Gruppe von Verkehrsteilnehmern inzwischen hinzugekommen ist.  Aber um das mit dem Fahrradhelm zu erklären gehe ich mal ganz zurück. Zurück in die Zeit, als Fahrradhelme noch für geistig Behinderte und ganz kleine Kinder waren. Eine Zeit in der Automotive Fahrassistenten sich auf Servolenkung und ABS in Sondereditionen mit Aufpreis beschränkten und man die vereinfachte Ausgangsschrift anhand des Bären "Umi" beigebracht bekam. Weil Umi so ein toll geschwungenen Namen hat und Fahrassistenz als schnöselige Spielerei angesehen wurde.

Weil man bis dahin eher auf schnöselige Spielereien im Sicherheitsbereich des Straßenverkehrs verzichtete war der Fahrradhelm als solcher noch nicht ganz geboren. Sicher kannte man den Kopfschutz für Radsportler im Amateur und Profi-Sport, aber einem unbescholtenen Radfahrer einen solchen Helm aufzusetzen, das wäre als würde man mit Schienenbeinschonern und Fußballstollen wandern gehen. Völlig übertrieben.

Der ADAC veranstaltet schon seit 1970 so genannte Fahrradturniere zur Überprüfung und Verbesserung des Fahrkönnens der Kinder. Zielgruppe sind Kinder ab dem achten Lebensjahr, die bereits Rad fahren.
- ADAC Faszinierendes Fahrradturnier

Von dem ADAC wurde ein Fahrradtraining angeboten, dass natürlich von Grundschulen bereitwillig angenommen und organisiert wurde. Man trainierte kompetetiv die Beherrschung von Fahrrad und den Leitlinien des öffentlichen Straßenverkehrs. Eine Gaudi für alle lustigen Radkinder, eine Qual für die wobbligen Zurückgebliebenen, bei denen beispielsweise das einhändige Fahren sofort und wiederkehrend zum Sturz führte. Man konnte die ersten präpubertären Eindrücke zu "nicht alle Menschen sind gleich" sammeln, "müssen aber über die selbe Ziellinie".

Ob jetzt Huhn oder Ei, das lässt sich streiten, aber die Eltern dieser Kinder sind immer ein wenig in Verantwortung zu ziehen, wenn etwas besonders in die Hose geht. Interessanterweise waren das meist die Sorte der überängstigen, deren Kinder es leider nicht über die 0 Fehler Punkte-Grenze schafften, egal in welcher Zeit und mit wievielen Anläufen; aus verschiedensten Gründen. Und diese waren es auch, die als einziges in diese Debatte den Helm wollen (und ich sage die einzigen die ihn tragen sollten.)

War es bei den Unsicheren-Wobbler-Eltern (UWE) die unglaublich schlechte Hand-Augen-Koordination  der Kinder  durch fehlende Bewegung ausserhalb der HEPA-Filterzone des Kinderzimmers, so konnte es bei den Kindern von Paranoidal-besorgten-Angst-Krampfern (PabAK) auch schonmal dadurch scheitern, dass die Fahrradausstattung so neu ist, dass das kleine Geschöpf mit dem Meistern dessen ziemlich überfordert ist ("neukaufen sonst unsicher"). Nicht zuletzt weil die PabAK-Eltern ein so eindringliches Gebet auf das Kind einprasseln lassen, auf welche Gefahren und persönlichen Ängste noch zu achten sei, neben Versagen der Technik und dem öffentlichen Straßenverkehr. Funny Fact: nicht alle Kinder konnten sich ein verkehrssicheres Rad leisten, aber dazu später mehr.

Die Mädchen und Buben können nach einem Probelauf Ihren Wertungslauf absolvieren. Hier gilt natürlich den Parcours mit null Fehler zu bewältigen und im Slalom eine gute Zeit zu erzielen.
Der Clou: Ihr könnt das örtliche Turnier mit dem eigenen vertrauten Fahrrad bestreiten. Die Sieger jeder Klassen können sich bei der Siegerehrung über eine Einladung zum nächsten ADAC Regionalturnier freuen.
- ADAC Faszinierendes Fahrradturnier

Weniger die  minderbemittelte Schulung ("herumspielen") der Kinder noch das "Faszinierende Fahrradturnier" selber können die Kidner auf die wirkliche Rauheit der Straße vorbereiten, wie es ständiges Benutzen und üben könnte. Sicher setzt es Akzente, aber es ging erstmal um etwas ganz anderes: Den Eltern klar zu machen, dass ihre Kinder

  • nicht radfahren können
  • sich in ständiger Gefahr befinden
  • aber man etwas tun kann.
Die PabAK-Eltern brauchte man nicht zu überzeugen, es reichte ihnen anzudeuten, dass es eine Gefahr geben könnte. Die in der Mehrzahl befindlichen UWEs wurden eingeladen dem bunten Treiben ihrere kinder beizuwohnen, anzufeuern und festzustellen, dass ihre Kinder in den sicheren Tod fahren werden. Die PabAK Eltern hätte man am besten ferngehalten, denn deren Anwesenheit hat meist zu Drama, Unterbrechung und viel Geschrei geführt, obwohl auf dem Übungsschulhof "nichts passiert" ist  und dazu zählen für mich als Kind insbesondere auch das Knie blutig aufschlagen und Handballenwunden - das hindert nicht am weiterfahren/spielen. Nicht weil ich so ein besonders harter  Knabe gewesen bin, nein, weil es mich mehr eingeschränkt hätte, mich der langweiligen Versorgung zu stellen und meine Entschuldigung für meine eigene Beschädigung zu reporten, als einfach weiter in meinem Kinderregebogenland rumzufahren und hin und wieder am Schorf zu knibbeln.

Der Ausweg


Ziemlich am Anfang bereits wurde klar gemacht, was als einziges helfen kann im Turnier. Geld. Eltern die dem Kind endlich die Sicherheit kaufen konnten, die Generationen Radfahrer davor verborgen geblieben war, schlugen beim ersten Angebot zu, dass ihnen unterbreitet wurde. Ich kann mich an den Preis nicht gut erinnern, aber es war bei weitem nicht günstig für etwas, aus gepresstem Schaumstoff mit Neonflock und 4 selber einklebbaren Kopfpolstern zusammengewichst wurde.




Dieser "Helm" war nicht nur völlig ungemütlich, zwickte an den Gurten, schränkte Sicht und Kopffreiheit ein, verfing Haare in den Klettverschlüssen der Polster, es verloren sich oder verrutschten die Polster und schmerzte dann, nein er war auch GS-geprüft und hielt genau einer Konkussion stand. Es kam hinzu, dass man beim Fasznierenden Fahrradturnier bessere Karten hatte, wenn man einen solchen Helm vom Vertriebsmann vor Ort gekauft hatte. Meine Eltern waren UWEs und so musste ich das Gerät auch haben. Komischerweise war es 5 Jahre lang vorher nicht nötig gewesen und selber hatten sie keinen.

Für Kinder, die keinen Helm dabei haben, sind Helme im Anhänger bereitzuhalten.
- ADAC Faszinierendes Fahrradturnier

Aber das Turnier war schnell vorbei und auch den Helm vergass man ganz flott. Ich bin bis heute ein sehr versierter Radfahrer und habe auch einige Kilometer und Unfälle hinter mcih gebracht. Bis heute ist keiner an Kopfverletzungen gestorben oder verkrüppelt, durch Unfälle, an denen ich dabei war oder teilgenommen hatte - obwohl niemand inklusive mir einen Helm trug. Ausnahmslos.

Auch nicht der alte Mann auf dem Rad, dessen Kopf auf die Windschutzscheibe des Mazda 323 meiner Mutter knallte, so stark, dass der Rückspiegel durch den Innenraum nach hinten flog und meinen angeschnallten Spielkamerad an der Stirn traf. Der Mann hatte blaue Flecken und war unter Schock, sein Fahrrad zerbeult und er krabbelte von der Motorhaube runter. Mein Kamerad im Auto war an der Stirn blutüberströmt und hielt fassungslos und schreiend mit weit offenem Mund, wie die Form einer Nierenschale, den Rückspiegel in der Hand. Hätte er doch nur im Auto einen Helm getragen, mann mann mann.

Und nicht vergessen: Möglichst immer mit Helm im Straßenverkehr! - ADAC Faszinierendes Fahrradturnier

Jahrelang bin ich der Diskussion aus dem Weg gegangen, weil für mich völlig klar war: Der gemeine Radfahrer bringt sich so selten in die Lage einer Gefahr durch einen angemessenen Kofschutz aus dem Weg zu gehen, dass es sich nicht lohnt einen solchen dafür zu tragen. Die Kinder bekommen einen verpasst, weil sie es eben noch nicht können (Radfahren, sowie korekktes abstützen und hinfallen muss man üben). Behinderte tragen einen bereits zum Laufen. Sportler tragen "Schutzkleidung" und der Helm ist nur ein Teil davon.

Immer wieder dränglen sich aber die Debatten um eine Helmpflicht in den Vordergrund und jedesmal wird auf eine neue Weise eruiert warum es sein muss oder eben nicht sein kann. Den Aspekt aktuell volkswirtschaftlich aufzuarbeiten ist für mich ein deutliches Zeichen für die Abrückung von dem eigentlichen Kern: Abzuwägen, ob es finanzielle Auswirkungen auf eine Gesellschaft und ihre Wirtschaft hat, ob ein Gut verwendet wird oder nicht, führt mich eigentlich nur durch den dunklen Flur der Verwirrungen zu dem hellen Raum der Erleuchtung. Es heisst ja erstmal nur, dass es darum geht dass Geld fließt oder nicht, nicht ob das Konzept funktionieren kann.

Denn die Kinder des Faszinierenden Fahrradturniers sind inzwischen selber Eltern und Verkehrsteilnehmer und sie haben gelernt, dass man seine Fähigkeit im Verkehr (aspirativ: "...verbessern kann"/ fatalistisch: "...zu überleben") kaufen kann. Ist man selbst zu behindert das Freizeitgerät zu führen oder man ist UWE/PabAK, und man zählt auch seine Mischpoke dazu, dann hilft alles, was nicht umsonst ist.

Sieg rät deshalb von einer Helmpflicht ab. "Man sollte lieber überlegen, wie man das Radfahren sicherer macht, etwa über bessere Infrastruktur oder eine innerstädtische Regelhöchstgeschwindigkeit von 30 km/h." - SPIEGEL
Aber da man in einer solchen Kette von Menschen das schwächste Glied als Masstab nehmen möchte, damit dieser nicht unter die Räder kommt ist es inzwischen zur Mode geworden, verpflichtende Gesetze mit Bestrafungen aufzuerlegen, die eine etwaige Selbstbestimmung weitestgehend unnötig machen. Dazu zählen vor allem Gesetze, die vorschreiben auf welche Art und Weise etwas getan werden soll (versus "im eigenen Ermessen)  anstatt es gänzlich zu verbieten. Eine nur scheinbare Freiheit.

Dazu wird auch fröhlich ein neuer Themenkreis bedient, der wie ein Musical Tanz und Theater verbinden soll. Bereits bekannte Zyklen sind:

  • Wegen Umweltschutz: Autobahn max. Tempo 130
  • Wegen Gesundheit: keine Fahrzeuge ohne Dieselpartikelfilter
  • Wegen Wirtschaft: steuerlicher Nachteil von Alt-Fahrzeugen
  • Wegen Sicherheit: Kameras an öffentlichen Plätzen
  • Wegen Idioten: Beschneidung des Selbstbestimmungsrechts
Diese Debatte ist so überflüssig, wie nichts anderes. Denn die Verantwortung wird hier nur hin und her geschoben. Jeder Teilnehmer am Straßenverkehr ist meist für seine Folgen selbst verantwortlich.

Und jetzt geht bestimmt der Shitstorm los und ihr werdet vom Fahrrad absteigen und aus sicherer Entfernung mit dem Helm noch auf dem Kopf (obwohl ihr gerade nicht fahrt) schreien, Henoth, du Affe, wenn dich einer Überfährt bist du dann auch selber schuld?, werdet ihr fragen und wütend auf mich zeigen. Ihr werdet mich aus Wut selbst überfahren wollen, mit euren SUVs und Fahradfahrer-Hasskarren, nach der Anhörung meiner Worte, aber ich gebe nicht klein bei, eurer faszinierenden Fahrradturnier-Meinung. - Natürlich passieren unvorhergesehene Dinge und technisches Versagen bleibt nie aus.


Der Spiegel spricht von einer "hochemotionalen Debatte", wenn er seinen reißerischen Artikel aufbauscht mit zitaten wie: »Der Münsteraner Unfallchirurg Juhra empfiehlt einen klaren Fokus: "Man muss unterscheiden zwischen der Helmpflicht und der Entscheidung jedes Einzelnen, einen Helm zu tragen."«  - soso


cyclehelmets.com als Kritiker versucht es mit wissenschftlich statistischem oder technischem Ansatz zu zerstreuen, verzettelt sich aber in der Diskussion und gibt keinen klaren Überblick; korrumpiert durch die Angstgesellschaft ist der Diskurs hier kaputt gegangen ("Ja, aber..."-Diskussionen).


Der ADAC bleibt dabei, dass generell eher ein Helm zu tragen sei, egal wo im Straßenverkehr befindet, und weil man eben diese Unfälle nicht vorher sehen kann. - Da der Radhelm aber nur ein passiver Schutz vor Autounfällen ist schützt er Fußgänger leider genauso gut wie die Radler, wenn nicht sogar noch besser.


Aber weil es eben nicht vorhersehbar ist, lassen sich auch keine Systematiken finden das zu verhindern. Das sind systemische Fälle. So wie man sagt, auf jeden männlichen Elefanten in einem Zoo kommt ein Elefantenpfleger, der durch einen Elefanten stirbt, der Helm spielt keine Rolle.

Eine Gesellschaft mit ausgebauter und diversifizierter Infrastruktur, die so hoch und schnell getaktet ist fordert eben auch Opfer. Und nicht weil wir so nachlässig sind dem Einzelnen seine Grenzen aufzuzeigen oder die Substanz instandzuhalten (Straßenbau, TÜV, etc), sondern weil wir uns nicht aus der natürlichen Auslese ausklammern können. Die Wobbler gehen als erstes über die Klippe bei sowas. 


1980     13.041 Verkehrstote und 27,12 Mio. Kraftfahrzeuge
2013     3.340   Verkehrstote und 52,3 Mio. Kraftfahrzeuge
- wiki


Und wenn ich mir die aktuellen Unfallzahlen und das Design von Kühler und Kotflügeln von neuen Autos ansehe, dann komme ich zu dem Schluss, dass heute, eher denn je, am wenigsten ein Helm getragen werden muss. Es ist alles bereits so "sicher" von der vorgefertigten Auslegung der Gesetze, bis zu den Infrastrukturen, dass man sich "kaum noch Gedanken machen muss". 




2 Kommentare:

Der Benzofuran-Waran hat gesagt…

Hier ein Schmuckstück schlecht kaschierter Tendenziösität zum Thema, gerade auf Spiegel Online gefunden :
"Was spricht für den Helm, warum VERWEIGERN ANDERE DEN SCHUTZ?"
Im Folgenden erfährt man dann, dass 20% der befragten SPON-Leser immer mit Helm unterwegs sind. Das erklärt so vieles.

Wahnsinniger, an der Zuvielisation verzweifelnd hat gesagt…

...und irgendwann werden wir alle - nein, nicht etwa gegen unseren Willen vergast! Nein, wir werden leidenschaftlich unser Recht auf das Vergastwerden einfordern, und wenn dann endlich die von uns so energisch eingeforderten Vernichtungslager fertiggestellt sind, werden wir begeistert vor den Gaskammern Schlange stehen! HINEIN IN UNSERE LUNGEN, SÜSSES ZYKLON B!

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